07.02.2012 02:11
Kleinbauern in Nicaragua
Kleinbauern in Nicaragua
Kleinbauern in Nicaragua
Die Situation der Kleinbauern am Beispiel Miraflor:
Das Gebiet Miraflor, an dessen Beispiel hier die äußerst problematische Situation der Kleinbauern in Nicaragua erläutert werden soll, befindet sich im Nordosten des Landes in der Region Esteli. In dieser Region leben ungefähr 107.000 Menschen, die 4% der Landesbevölkerung ausmachen.
37% der dort lebenden Bewohner sind arbeitslos, etwas mehr als 40% leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Landwirtschaft bildet für viele Anwohner eine Existenzgrundlage, da sie sich damit entweder selbst ernähren oder vom finanziellen Ertrag leben können.
Vor 1979 war diese Region im Gegensatz zu heute weniger besiedelt. Die dann rasch einsetzende Besiedlung, wurde von der sozialistischen Regierung, die nach der Revolution in 1979 an die Macht gekommen war, durch Besiedlungs- und Bewirtschaftungsprogrammen erzielt, die eine Verbesserung der Ernährungslage des Landes zur Folge haben sollte. Der Staat lockte die Menschen der umliegenden Gebiete mit einer maßgeblichen Verbesserung der dort vorherrschenden Bedingungen. So unterstütze der Staat die Region durch das Leisten von Strukturhilfen, wie zum Beispiel durch die Verbesserung der Wasserversorgung und der Infrastruktur (durch das Anlegen von Straßen und Transportwesen) und durch finanzielle Unterstützung für den Häuserbau. Den dort neu hingezogenen Bauern wurden Beratungsteams (Leistungsteams) zugestellt, die mit ihren Fachkenntnissen, den Aufbau und das Betreiben der Landwirtschaft dieser Region effizienter und ökonomischer gestalteten.
Hierzu wurden die Ansiedler in 20 Landkooperativen unterteilt, die dann jeweils noch in verschiedene Agrarabteilungen,

Da der sozialistische Staat als Abnehmer der Waren feststand, gab es keinen Wettbewerb, als jedoch im Jahre 1990 die sozialistische Regierung von einer neoliberalen Regierung abgelöst wurde, mussten die Kleinbauern lernen mit einem freiem Markt zurechtzukommen. Diese Umstellung wurde ihnen durch den Entzug der staatlichen Strukturhilfen zusätzlich erschwert. Acht der zwanzig Landkooperativen blieben nicht bestehen, da viele ihr Land verkaufen mussten, weil sie hoch verschuldet waren und sich den Bedingungen auf dem freien Markt nicht stellen konnten.
Die hinterbliebenen Kooperativen teilten sich weiterhin verschiedene agrarwirtschaftliche Aufgaben, wie zum Beispiel die Milchproduktherstellung oder die Forschung zum Pflanzenschutz.
Da sie allerdings keine staatliche finanzielle Unterstützung mehr erhielten, waren sie zunehmenst auf Spendengelder aus dem Ausland oder von Entwicklungsförderungen der EU angewiesen. Insgesamt ist es ihnen jedoch gelungen die wirtschaftliche Situation in diesem Gebiet stabil zu halten.
von Kristina Schulz
Agrarökologisches Projekt in Miraflor
Das agrarökologische Projekt, welches in Zusammenarbeit der dort ansässigen "Leistungsteams" mit dem Deutschen Entwicklungsdienst im Jahre 1993 entwickelt wurde, sollte die Ernährungssituation und die Versorgung von Lebensmitteln auf Märkten verbessern.
Zu diesem Zweck musste die Milchviehwirtschaft und die Gemüseproduktion aufgebaut bzw. erweitert werden.
Hierzu sollten Kleinbauern lernen, ökologisch zu denken und anzubauen. So wurden zum Beispiel Maßnahmen ergriffen um den Boden vor Erosion und die Kleinbauern von Bodenverlust zu schützen.
Desweiteren wurde nachhaltige Waldbewirtschaftung betrieben, da fast ausschließlich arme Kleinbauern dazu gezwungen waren, den Regenwald abzuholzen um neues Ackerland zu gewinnen. So hatte die Abholzung des Regenwaldes seit den 50er Jahren erhebliche Ausmaße erreicht. Eine jährliche Abholzung von 100 000 ha mit stark steigender Tendenz hatte dazu geführt, dass 1990 nur noch die Hälfte des Waldbestandes vorhanden war (Am Anfang des Jahrhunderts waren noch 60% des Landes mit Wald bedeckt).
Die rasche Abholzung hatte jedoch noch andere Gründe. In Nicaragua herrscht zum Beispiel ein beachtlich hoher Brennstoffbedarf vor, da 60% der Bevölkerung auf Brennholz als einzige Energiequelle angewiesen sind und zum Kochen wenig effiziente, offene Herdfeuer benutzt werden. Diese Vernichtung des Waldes wird das ökologische Gleichgewicht dieser Region immer mehr durcheinander bringen, da dadurch zunehmend Bodenerosion und Überschwemmungen auftreten können. Das Projekt betreibt also Aufklärung zum Schutz des Regenwaldes und zum Vorteil der Kleinbauern.
Das Projekt bringt den Kleinbauern zusätzlich bei, ökonomisch zu denken, da sie lernen, wie Produktionskosten, z.B. durch den Gebrauch von natürlichem statt künstlichem Dünger, gesenkt werden können. Zudem hat dieses Projekt vielen Menschen zu einer Existenzgrundlage verholfen. Vor der Revolution lebten dort ungefähr 65 Familien von der Landwirtschaft, dieses allerdings nur in extremer Armut und in Abhängigkeit von ihren Großgrundbesitzern. Heute hat sich die Anzahl der Familien, die sich durch Landwirtschaft ernähren und finanzieren, auf ca. 750 Familien mehr als verzehntfacht.
Finanziert werden die Kleinbauern durch einen sogenannten "rotierenden" Kreditfond, der denjenigen Bauern gewährt wird, die nach den gestellten Bedingungen anbauen. Der Kredit wird zudem in zwei Phasen ausgezahlt, d.h. dass die zweite Geldsumme den Landwirten nur ausgehändigt wird, wenn die erste kreditfinanzierte Anbauphase Erfolge verzeichnen konnte.
Durch dieses agrarökologische Projekt mit Kreditfinanzierung konnte die Ernährunslage in Miraflor einigermaßen stabilisiert werden und es konnte darüber hinaus ein wachsender Beitrag für die Lebensmittelversorgung der Region Esteli verzeichnet werden, da sogar ein Produktionsüberschuss an bestimmen Gemüse erzielt wurde.
Die verhältnismäßig stabile Ernährungslage hat sogar eine Verdreifachung der Bevölkerungszahl in der Region Esteli zur Folge gehabt. 1970 lebten in diesem Gebiet ca. 35000 Menschen, fast dreißig Jahre später in 1999 waren es schon 107 000 Einwohner.
Den Kleinbauern kann durch Projekte wie diese zwar nicht von heute auf morgen zu einem besseren Lebensstandard verholfen werden, allerdings sind solche Initiativen auch eher als Hilfe zur Selbsthilfe zu begreifen. Ihnen werden wichtige Grundlagen zur ertragsreichen und umweltschonenden Ernte mitgegeben und danach sind sie auf sich selbst angewiesen, was den Vorteil hat, dass sie von keinen ausländischen Projekten abhängig werden.
von Jonina Jonsson
Sozioökonomische Gegebenheiten
Nicaragua ist das zweitärmste Land Mittelamerikas und gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. 2003 lag das Pro-Kopf-Einkommen mit 623 Euro unter der Armutsgrenze nach Definition der WHO. Zu den least developed countries gehört Nicaragua jedoch nicht, da hierfür noch weitere Faktoren erfüllt sein müssen.
Um die Ursachen für die Armut auszumachen, muss man sich zunächst einmal mit der politischen Geschichte des Landes beschäftigen. Von 1932 bis 1979 litt das Land unter der Diktatur der Somoza-Familie. Die Somozas, die von den USA unterstützt wurden, unterdrückten während dieser Zeit jegliche demokratischen Bewegungen im Land, verfolgten und ermordeten Oppositionelle und ließen keine Möglichkeit aus, sich selbst zu bereichern. So machten sie nicht einmal davor halt, nach Naturkatastrophen wie dem starken Erdbeben 1972, das über 10 000 Menschenleben forderte, die Hilfsgelder auf private Konten weiterzuleiten.
Erst nach einem zweijährigen Bürgerkrieg (Nicaraguanische Revolution) konnte die Somoza-Familie 1979 aus der Macht gedrängt und aus dem Land vertrieben werden. An die Regierung kamen jetzt die Sandinisten, deren Name auf den General und Widerstandskämpfer Augusto César Sandino zurückgeht. Sandino wurde 1934 nach der Unterzeichnung eines Friedensvertrages von Somoza ermordet.
Doch auch unter den Sandinisten fand Nicaragua keinen Frieden. Die US-Regierung unter Ronald Reagan diffamierte die Sandinisten als Kommunisten und unterstütze eine paramilitärische Terrorgruppe, die Contras, finanziell und mit Waffenlieferungen. Das Geld hierfür stammte aus Waffenlieferungen an den Iran.
21 Jahre lang terrorisierten die Contras, von den USA unterstützt, die Bevölkerung und zerstörten dabei die wirtschaftliche Infrastruktur Nicaraguas fast vollständig. Erst 1990 war der so genannte Contra-Krieg, der bis dahin mehr als 29 000 Menschenleben gekostet hatte, zu Ende.
Schon vier Jahre zuvor wurden die USA für ihre Unterstützung der Contras vom internationalen Gerichtshof in Den Haag zur Zahlung von 2,4 Milliarden US-Dollar verurteilt - Geld, auf das Nicaragua bis heute wartet.
Doch selbst wenn das Geld gezahlt worden wäre, müsste man befürchten, dass kaum etwas davon bei der Bevölkerung ankommen würde, denn jede der nach 1990 ziemlich häufig wechselnden Regierungen hatte mit Korruption zu kämpfen.
Die Korruption ist wohl eine der Hauptursachen dafür, dass weniger ausländische Unternehmer in Nicaragua investieren, als von den meist neoliberalen Regierungen angestrebt wird / wurde. Doch auf dieses Geld ist das Land angewiesen, denn ohne fremde Hilfe kann die bankrotte Wirtschaft sich kaum aus der Misere befreien.
Die Schere zwischen Arm und Reich driftet in Nicaragua seit Jahren weiter auseinander: Die reichen 20% der Bevölkerung beziehen 64% des Gesamteinkommens, während das ärmste Fünftel sich mit 2,3% des Einkommens begnügen muss.
Wo in Nicaragua von Entwicklung die Rede sein kann, da profitiert nur ein verschwindend kleiner Teil der Bevölkerung - die große Mehrheit bleibt von öffentlicher Infrastruktur, sozialen Dienstleistungen und individuellen Entwicklungsoptionen ausgeschlossen. Die Privatisierungen im öffentlichen Sektor der letzten Jahre - Bildung, Gesundheit, Wasser, Strom, Telefon - tragen das Ihre zu dieser Entwicklung bei.
Über 60% der Nicaraguaner leben in extremer Armut, auf dem Land sind es sogar über 70%. Dies führt auch zu einer starken Landflucht, vor allem in Richtung der Hauptstadt Managua. Dennoch ist mit 42,9% der Arbeitnehmer ein hoher Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Hauptsächlich angebaut werden Kaffee, Zuckerrohr, Kakao und Früchte. Durch die hohen Agrarsubventionen in Europa, USA und Japan rentiert sich in Nicaragua, trotz billiger Lohnkosten, in vielen Bereichen die Landwirtschaft nicht - zumindest nicht für Basisprodukte von Lebensmitteln, die zum eigenen Konsum in Nicaragua gebraucht werden (Reis, Mais, Bohnen). Diejenigen Bauern, die cash crops anbauen, sind stark vom Weltmarkt abhängig. Dies hatte in den letzten Jahren vor allem für die Kaffeeproduzenten fatale Folgen, denn zu Beginn des neuen Jahrtausends brach der Kaffeepreis auf dem Weltmarkt dramatisch ein. So fielen die Einnahmen von 170 Mio. US-Dollar aus der Kaffeernte im Jahr 2000 auf 31,7 Mio. US-Dollar aus der Ernte 2001/2002.
Als wäre Nicaragua durch seine Geschichte, die Korruption und das ambivalente Verhältnis zu den USA, die immer wieder schädlichen Einfluss auf das Land genommen haben, gleichzeitig aber wichtigster wirtschaftlicher Partner sind, nicht schon genug gestraft, wird es immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht. Häufig auftretende Erdbeben, Vulkanausbrüche, Erdrutsche und Überflutungen nach Hurricanes kosten regelmäßig Menschenleben und zerstören die Infrastruktur - schlechte Voraussetzungen für den Aufbau einer funktionierenden Wirtschaft.
Das Bildungssystem in Nicaragua unterliegt einer großangelegten, auch mit deutschen Geldern finanzierten, Modernisierung. Diesem begrüßenswerten Prozess liegt aber eine grundlegende Umstrukturierung des Bildungssystems zugrunde: der Staat zieht sich Schritt für Schritt aus der Finanzierung zurück, an seine Stelle setzen sich private Bildungseinrichtungen. Doch auch öffentliche Schulen sehen sich bereits seit geraumer Zeit gezwungen, Schulgeld von den Eltern zu verlangen. Dies ist zwar verfassungswidrig, aber gewollter Effekt einer Politik, die den Staat kaum noch als Garant für öffentliche Grundversorgung sieht.
Die sogenannte deserción escolar erreicht in den 5. oder 6. Klassen bis zu 50%. Auf dem Land beenden 90% der Kinder nicht die 6. Schuklasse. Die gesetzliche Schulpflicht wird nicht überall befolgt. Die Analphabetenrate ist in den letzten 15 Jahren wieder auf fast 40% gestiegen.
Beim Gesundheitssystem gibt es viele Parallelen zum Bildungssektor: Die öffentlichen Einrichtungen können keine ausreichende Versorgung der Patienten garantieren, man ist auf private Praxen und Kliniken angewiesen. Die Qualität dieser ist extrem unterschiedlich, allgemein gilt jedoch, dass man für gute Arbeit auch viel Geld zahlen muss. Deshalb ist eine genügende medizinische Versorgung leider für weite Teile der Bevölkerung unerreichbar.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Nicaragua auf Grund von historischen Gegebenheiten, Korruption und Naturkatastrophen mit den üblichen Problemen der meisten Entwicklungsländer zu kämpfen hat. Die Staatsverschuldung ist enorm, die Wirtschaftskraft gering, der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt in Armut, die Bildung ist niedrig und die Analphabetenrate hoch, die gesundheitliche Versorgung schlecht und die Lebenserwartung gering. Es müsste wohl ein Wunder geschehen, wenn sich das Land mit eigener Kraft aus diesem Dilemma befreien könnte. Nicaragua ist auf ausländisches Geld angewiesen, muss jedoch auch aufpassen, nicht in (zu große) Abhängigkeit von ausländischen Investoren / Unternehmen zu geraten.
von Andreas Kitzing
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