31.07.2010 10:58
"Die Leiden des Jungen Werther": fiktive Begegnung zwischen Werther und Wilhelm
"Die Leiden des Jungen Werther": fiktive Begegnung zwischen Werther und Wilhelm
Der Herausgeber an den LeserAm 4. Julius begab sich Werther nach H., um Wilhelm zu treffen.
Noch bevor sie sich begrüßt hatten, bemerkte Wilhelm die Veränderung, die in seinem jungen Freund vor sich gegangen war. Er wirkte hagerer als früher und machte den Eindruck, als habe er seit Wochen nicht mehr richtig geschlafen. "Werther, schön dich zu sehen! Wie geht es dir? Deine letzten Briefe besorgten mich sehr." "Ich habe meine Entlassung vom Hofe verlangt, aber das habe ich dir ja bereits in einem der letzten Briefe mitgeteilt", entgegnete Werther. "Nun werde ich Lotte bald wiedersehen, das wird meinem Herzen gut tun."
Wilhelm war schockiert. Hatte Werther etwa nur wegen diesem Frauenzimmer, das seinem Verstand so übel mitzuspielen schien, seine Kündigung eingereicht und die anderen Gründe lediglich als Vorwand benutzt? Sollte dies der Fall sein, so wäre sein Zustand tatsächlich mehr als ernst. "Mein Freund, sage mir nicht, dass sie die Ursache war, wieso du deine Stelle aufgabst!"
Werther lächelte gequält. "Ich habe dir doch von dieser unschönen Begebenheit auf der Gesellschaft des Grafen erzählt. Ich verstehe ja, dass er gezwungen war, mich zu entfernen, aber dennoch fühle ich mich von ihm verraten. Und dieses Gefühl auch noch mit meiner eigenen Dummheit verursacht zu haben, macht es noch ungleich schlimmer. Denn niemals hätte ich so vermessen sein dürfen, zu glauben, bei der Gesellschaft nicht unerwünscht zu sein.
Schlimm genug, was sich daraus für Folgen ergaben. Das mit Fräulein B. ausgerechnet ein Engel mir diese Botschaft überbrachte, ist paradox und schmerzt. Die ganzen Neider, die mich schon immer verfolgten und mir eine arrogante Art vorwarfen, hatten jetzt etwas, mit dem sie mich peinigen und über mich herziehen konnten, und das ließen sie mich alsbald spüren. Ich fühlte mich an jeder Straßenecke beobachtet und hatte das Gefühl, dass alle anfingen zu tuscheln, nachdem ich ihnen begegnet war. Wilhelm, das machte mich fertig! Am Ende fehlte ich bei der Arbeit und verließ nur noch für die allernotwendigsten Dinge aus das Haus. Dass dies kein Zustand von Dauer sein kann, ja sein darf, in diesem Punkte wirst du mir mit Sicherheit zustimmen. Um mich aus dieser Situation zu befreien, schien mir die Stadt zu verlassen die einzig akzeptable Lösung zu sein. Jetzt, wo ich fort bin, werde ich endlich Lotte wiedersehen!"
Wilhelm versuchte in der Folgezeit mit wahrer Leidenschaft, seinen Freund von dieser Entscheidung wieder abzubringen. Der Minister würde sicher geneigt sein, ihn zurück in seine Dienste aufzunehmen, wenn Werther einsehen würde, wie töricht sein Entschluss war. Doch vergebens, Wilhelm vermochte es nicht, Werther zu überzeugen und als er ihm mitteilte, dass Lotte ihm schaden würde und das es in keinem Fall zulässig wäre, sich Chancen auf sie auszurechnen, brach Werther die Diskussion ab. Nach einigen vergeblichen Versuchen, den Dialog wieder in die zuvor angeschlagenen Bahnen zu lenken, gab es auch Wilhelm auf.
Einen Tag später brach Werther nach Wahlheim auf, um wieder in die Nähe Lottens zu gelangen.
Quellen
- von Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werther
. Stuttgart 2001
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