31.07.2010 11:04
"Der Steppenwolf": Psychoanalytisches Kurzgutachten

"Der Steppenwolf": Psychoanalytisches Kurzgutachten

Der Patient wurde am 05.09.2005 in die psychiatrische Klinik eingewiesen, nachdem er sich drei Abende zuvor über die Schmerzgrenze hinaus besoffen und in einem sinnlosen Akt der Gewalt die Inneneinrichtung einer Kneipe, einen Briefkasten der Deutschen Post sowie 17 parkende Autos demoliert hatte.
Im Gespräch gab sich der Patient zunächst ruhig und sehr vernünftig. Er wisse selber nicht, was da in ihn gefahren sei, normalerweise sei er eine sehr friedfertige und besonnene Natur. Er ist seit 36 Jahren verheiratet, lebt in einem kleinbürgerlichen, geregeltem Haushalt und geht einer Arbeit als Verleger nach.
Aus seinem sozialen Umfeld ergaben sich zunächst keine Hinweise auf eine mögliche Ursache des Vorfalls. Später im Gespräch stellte sich jedoch heraus, dass der Patient zu einem Mann, denn er durchweg "Steppenwolf" nannte, ein merkwürdiges, ambivalentes Verhältnis pflegte.
Dieser "Steppenwolf", ein Mann mittleren Alters, der bei ihm zur Untermiete wohnt, wurde vom Patienten als sehr wunderlich, aber sympathisch beschrieben. Ohne weitere Nachfrage begann der Patient ausführlich von den sich von den normalen gesellschaftlichen Strukturen abhebenden Gebräuchen des Steppenwolfs zu erzählen. Im weiteren Gesprächsverlauf wurde deutlich, dass der Patient in seinem geordneten, wenig abwechslungsreichen Leben nicht glücklich ist und den Steppenwolf um seine Fähigkeit, vollkommen unabhängig von Anderen zu leben, beneidet. Dieser Neid äußert sich in zwanghaft psychotischem Nachspionieren und Beobachten seines Untermieters.
Allerdings war der Patient bisher noch nicht in der Lage zu realisieren, dass er sich einen anderen Lebenswandel wünscht. Diesen Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit unterdrückt er unbewusst. Seine übertriebenen Sorgen vor Unwägbarkeiten, sein Ordnungswahn und der Zwang, untypisches Verhalten oder Aussehen anderer Menschen zu bemängeln sind als Schutzmechanismus zu verstehen: Das Über-Ich versucht damit seine gewohnte Lebensweise vor dem konträr dazu stehenden Freiheitsdrang zu verteidigen.
In der Therapie wird der Patient stückweise an das Erkennen seines Problems herangeführt. So wird ihm die Möglichkeit gegeben, sich aktiv damit auseinander zu setzen und wieder zu einem inneren Gleichgewicht zu finden.

Quellen






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