31.07.2010 11:04
Silbernes Feuer

Silbernes Feuer

Sehnsüchtig starrte Féline auf den silbernen Ring, den Antoine ihr vor genau einem Jahr gegeben hatte. Vor genau einem Jahr, als er sie verließ, um in den Krieg zu ziehen.
Jetzt war es der 14. November 1648, und er war nicht zurückgekommen. In den Wirren des 30-Jährigen Krieges war er verschollen und hatte seine Verlobte Féline Morineau allein in Montaigu, einem verschlafenen Nest in Frankreich, zurückgelassen. Féline war äußerst attraktiv, hatte lange blonde Haare und hellblaue, aber tieftraurige Augen. Seit einem Jahr wartete sie auf seine Rückkehr und mit jedem Tag, der verstrich, schwand ihre Hoffnung.
Plötzlich, während sie tief in Gedanken versunken auf ihren Ring blickte, hörte sie ein Klopfen an der Tür. Sofort sprang sie auf und stürzte zur Tür. Könnte es etwa Antoine sein...?
Doch die durch ein simples Geräusch in ihr erweckte Hoffnung wurde bitter enttäuscht. Es war nur ein Bediensteter des Markgrafen, der gekommen war, um von ihrem Vater die Pacht für den Bauernhof einzutreiben.
"Wir können die Pacht nicht bezahlen", erklärte Féline dem Geldeintreiber. "Ein Trupp von Plünderern hat letzte Woche unseren Hof ausgeraubt und unsere gesamte Ernte vernichtet." "Das ist mir egal! Mich interessiert nur, ob du bezahlen kannst oder nicht. Wenn nicht, muss ich dich zum Markgraf bringen, er kann dann über dein Schicksal entscheiden"

~~~------------------~~~

Einige Stunden später erzählte Féline dem Markgraf die gleiche Geschichte. Der Graf war ein etwa 50 Jahre alter Mann, den trotz seines leichten Übergewichts und seiner kleinen Statur eine enorme Austrahlung umgab. Mit ernstem Blick sah er Féline an, bevor er seine Entscheidung verkündete: "Das persönliche Dienstmädchen meines Sohnes ist vor kurzem verschleppt worden. Du kannst entscheiden, ob du ihre Stelle einnimmst, bis dein Vater bezahlen kann, oder nicht. Wenn du das Angebot ablehnst, müsst ihr euren Hof verpfänden."
So fand sich Féline wenig später im Schlosstrakt von Sebastien de Laurencin, dem Sohn des Markgrafen wieder. Sebastien war mit seinen 23 Jahren zwei Jahre älter als Féline. Er war großgewachsen, hatte schwarze Haare und in seinen dunkelbraunen Augen lag etwas geheimnisvolles.. Außerdem sah er Félines Verlobten Antoine ein wenig ähnlich...
Neugierig musterte er sie. "Du musst das neue Dienstmädchen sein, das mein Vater mir geschickt hat", sagte er."Ich bin Sebastien, wie heißt du?" "F-Féline", stotterte sie. Die Ähnlichkeit zu ihrem verschollenen Verlobten machte sie nervös. "Gut, Féline. Deine Aufgabe ist es, mir alles zu bringen, wonach ich verlange. Außerdem musst du meine Zimmer sauber halten. Das ist doch nicht zuviel verlangt, oder?" Féline antwortete nicht. Sehnsüchtig dachte sie an die glücklichen Stunden mit Antoine zurück, dachte an den Heiratsantrag, den er ihr am 14.02., dem Valentinstag 1647 gemacht hatte. 47 rote Rosen hatte er ihr geschenkt, eine für jede Woche, die sie zusammen wahren. Doch nichts war ihr geblieben, nichts außer einem Ring und der Erinnerung.

~~~------------------~~~

Die nächsten Wochen mit Sebastien ließen Féline ihren Kummer ein wenig vergessen. Sebastien war ihr schon bei der ersten Begegnung sympathisch gewesen, und dieser Eindruck bestätigte sich in den nächsten Wochen. Sie hatte als seine persönliche Bedienstete viel mit ihm zu tun, aber er achtete darauf, sie nicht zu überfordern. Es stellte sich heraus, dass er sehr humorvoll, charmant und intelligent war.
An einem kalten Januarabend bekamen die Menschen im Schloss des Markgrafen unerwartet Besuch von einem Boten. Er brachte schlechte Neuigkeiten: Antoine de Laurencin, der Sohn des Grafen und Bruder Sebastiens, war in der finalen Schlacht des 30-Jährigen Krieges in Bayern gefallen.
Sebastien nahm diese Nachricht ziemlich mit, und so suchte er Trost bei Féline.
"Antoine ist schon der dritte Bruder, den ich im Krieg veroren habe", erzählte er. "Er war mein ältester Bruder. Als er vor 13 Monaten mit meinen anderen beiden Brüdern in den Krieg zog, hatte ich schon so eine düstere Vorahnung, dass etwas Schreckliches passieren würde. Jetzt sind alle drei tot." Plötzlich überkam Féline ein seltsamer Gedanke: auch ihr Antoine hatte sie vor 13 Monaten verlassen, auch ihr Antoine hatte drei Brüder - und dazu diese Ähnlichkeit mit Sebastien... "Sebastien...? Wie sah Antoine aus? Bitte, es ist wichtig."
Ein wenig verwundert beschrieb er ihr seinen Bruder und alles passte haargenau. Dass beide Antoines eine Narbe über dem rechten Auge hatten, gab ihr schließlich die traurige Gewissheit: ihr Verlobter war Sebastiens Bruder und Sebastiens Bruder war tot.
Jetzt überwältigte sie die Trauer, sie ließ sich in Sebastiens Arme fallen und fing an, wie ein Wasserfall zu weinen. Unter Tränen erzählte sie Sebastien ihre Geschichte. "Er hat dich sicherlich sehr geliebt, ich habe ihn oft von seiner Verlobten reden hören", versuchte er sie zu trösten. Doch das war eine Lüge, Antoine hatte fast immer mehrere Freundinnen gleichzeitig gehabt. Und er hatte ihm erzählt, das außgerechnet die Hübscheste seiner Freundinnen bis zur Ehe Jungfrau bleiben wollte. Deshalb hatte er sich entschlossen, sie zu heiraten.
Aber um Féline nicht noch mehr weh zu tun, verschwieg Sebastien ihr die Wahrheit. Er hätte es nicht ertragen können, sie noch trauriger zu sehen, denn mit dem ersten Mal, dass er sie sah, hatte er sich in das arme Bauernmädchen verliebt. So ließ er sie sich an seiner starken Schulter ausheulen und tröstete sie, so gut er konnte.
Nachdem Féline schließlich keine Tränen mehr hatte und sich ein wenig beruhigte, brachte er sie zu den Räumen der Bediensteten und wachte neben ihrem Bett, bis sie eingeschlafen war. Schließlich gab er ihr noch einen zarten Kuss auf die Stirn und ging selber Schlafen.
Er selber lag noch lange wach und dachte nach. Irgendwann spät in der Nacht, fasste er schließlich den Entschluss, Féline seine Liebe zu gestehen. Er wusste zwar, dass sein Vorhaben ziemlich dumm war, aber er musste es einfach tun.

~~~------------------~~~

Knapp zwei Wochen nach der Nachricht von Antoines Tod beschloss Sebastien, zusammen mit Féline einen Ausflug zu machen. Nachts hatte es geschneit und so fuhren sie mit dem Pferdeschlitten zu einer einsamen Berghütte der de Laurencins.
Die Stunden vergingen wie im Fluge und Féline dachte die ganze Zeit tatsächlich kein einziges Mal an Antoine.
Der Tag neigte sich dem Ende zu und Sebastien und Féline saßen nebeneinander auf einer Bank vor der Berghütte und genossen die herrrliche winterliche Berglandschaft. Im Haus prasselte im Kamin ein gemütliches Feuer und die untergehende Abendsonne tauchte das Bergpanorama in ein goldenes Licht.
Schließlich fasste sich Sebastien ein Herz.
"Féline, ich muss dir etwas gestehen." Er schaute ihr tief in die Augen.
"Ja?" Félines Stimme zitterte vor Nervosität. Sie schien zu ahnen, was er als nächstes sagen würde und sie wollte es hören. Sie hatte in der letzten Zeit viel über ihre Gefühle nachgedacht...
"Als ich dich das erste Mal sah, war ich sofort begeistert von dir." Er streichelte ihr mit der Hand vorsichtig übers Gesicht. "Ich hatte noch nie ein so hübsches Mädchen wie dich gesehen, Féline." Sie spürte ein Kribbeln im Bauch, wie sie es zuletzt nur bei Antoines Heiratsantrag verspürt hatte."Meine Begeisterung wuchs sogar noch, als ich dich näher kennengelernt habe: Du bist nicht nur attraktiv, sondern auch sympathisch, charmant und intelligent." Er zog sie sich näher zu sich heran und flüsterte ihr ins Ohr:
"Féline, ich liebe dich!"
Dann küsste er sie. Sie erwiederte seine Küsse, es schien als wolle ihr Herz vor Glück explodieren. "Ich liebe dich auch!" In diesem Augenblick verschwanden die letzten Sonnenstrahlen hinter den Berggipfeln, und die Sonne ließ den beiden Liebenden einige Stunden Zeit für sich allein.

~The End~




Facebook-Plugin