Seneca: Die Standhaftigkeit des Weisen

In seinem Werk „De Constantia Sapientis“ (dt. „Über die Standhaftigkeit des Weisen“) setzt sich der römische Philosoph Seneca in Form eines Schrift-Dialogs mit seinem Freund Serenus mit dem Thema Unrecht auseinander. Seneca ist der Auffassung, dass einem Weisen kein Unrecht geschehen könne, da er über Schlechtes, das andere ihm antun, erhaben ist. Dies liegt daran, dass der einzige Besitz des Weisen seine sittlichen Fähigkeiten sind. Alle weltlichen Besitztümer bewertet er nur als „geliehen“, deshalb kann ihr Verlust ihn nicht schmerzen.
Außerdem kann ihm als „Gerechten“ kein Unrecht getan werden, weil „Gegensätze sich nicht vereinigen können“ (S. 65, 4).
Seneca vertritt dabei die Position der Stoiker; nämlich dass man Schicksal und den Herausforderungen des täglichen Lebens mit „stoischer Gelassenheit“ trotzen müsse, um zur Erkenntnis zu gelangen.

Wörtlich schreibt Seneca, dass „die Stoiker [im Gegensatz zu anderen Philosophen, A.K.] einen männlichen Weg einschlagend sich nicht darum kümmern, dass er lieblich denen erscheint, die ihn betreten, sondern dass er möglichst bald uns befreie und auf jenen ragenden Gipfel führe (…).“1. Der Gipfel ist hierbei als Sinnbild für die Erkenntnis zu sehen.
Im Folgenden adressiert Seneca Serenus‘ Empörung über die Tatsache, dass der römische Politiker Marcus Cato zu seinen Lebzeiten nach beider Meinung nicht genug gewürdigt wurde. Obwohl dieser „Männer wie Pompeius und Caesar überragte“ (S. 47, II., 1) wurde er vom Volk beleidigt und beschimpft. Dennoch konnten ihm diese Ungerechtigkeiten laut Seneca nichts anhaben.
Seneca bestreitet nicht nur, dass es an der Position eines Weisen Zweifel aufwerfe, wenn diesem Unrecht angetan wird, sondern er geht sogar noch einen Schritt weiter. Als „zuverlässige Kraft“ gilt in seiner Argumentation etwas, das zwar herausgefordert, aber nicht besiegt wird, während zweifelhafte Werte solche sind, die nicht erprobt wurden. Aus diesem Grund ist auch „der Weise von besserem Wesen, wenn ihm kein Unrecht schadet, als wenn ihm keines geschieht“ (S. 51, 4). Die Seele eines Weisen ist so fest und kraftvoll, dass sie vor Unrecht genauso sicher ist, wie ein Fels in der Brandung, der über Jahrhunderte ohne sichtbare Spuren den Meereswogen trotzt.
Seneca bringt es in folgendem Zitat treffend auf den Punkt: „Unverwundbar ist nicht, wonach man nicht schlägt, sondern was man nicht verletzt“ (S. 51, 3).

Man kann dem Weisen deshalb nichts anhaben, weil sein Abstand zu „Unterlegenen“ so groß ist, dass Angriffe „stets unterhalb ihres Zieles, der Weisheit, zusammenbrechen, genau wie Geschosse, die in die Höhe geschossen werden und aus dem Sichtfeld heraus fliegen, dennoch den Himmel nie erreichen können“ (S. 53, IV, 1).
Aber wieso können auch tätliche Angriffe dem Weisen nichts anhaben? Laut Seneca liegt es daran, dass der Weise „nämlich einzig im Besitz sittlicher Fähigkeiten ist, aus dem man ihn niemals vertreiben kann“ (S. 57, 5). Weltliche Besitztümer sieht der Weise nicht als sein Eigen, sondern nur als geliehen an. Deswegen kann der Verlust selbiger ihn auch nicht beunruhigen.
Letztendlich trifft das Unrecht nicht den Weisen, sondern denjenigen, der versucht, es zu begehen. Laut Seneca sind, „sofern genug Schuld besteht, alle Verbrechen auch vor dem Erfolg der Tat ausgeführt“ (S. 63, 4). Dem Weisen entsteht wie beschrieben kein Schaden, der „Täter“ muss jedoch damit leben, Unrecht getan zu haben.

Dem Weisen kann auch deshalb kein Unrecht getan werden, weil „Gegensätze sich nicht vereinigen können“ und deshalb die Gerechtigkeit nichts Unrechtes erleiden kann (S. 65, 4). Gerade Ungerechtigkeiten, die durch Herrscher erfahren werden, sollen übrigens mit besonderer Gefasstheit ertragen werden, da diese Machthaber „des Schicksals Werkzeuge sind“ (S. 67, 3).
Die ruhige und friedliche Lebenshaltung bewirkt, dass Weise sich über erlittenes Unrecht nicht aufregen müssen und dass sie deshalb stets „aufrecht und heiter“ sind (S. 68f).
Im weiteren Text geht Seneca auf Beleidigungen ein, die seiner Meinung nach eine kleinere Form von Unrecht sind.
Der Weise und Kluge nimmt „Beleidigungen wie Scherze hin“ und regt sich nicht darüber auf. Häufig beruhen als Beleidigung gemeinte Aussagen sowieso auf wahren Eigenschaften und Handlungen der Personen und wären dann lediglich ein Urteil. Falls ein Weiser jemanden wegen einer Beleidigung belehrt, dann nicht, weil der Weise sich davon getroffen fühlt, sondern weil er den anderen über seine unrechte Handlung aufklärt.
Beleidigungen lassen sich im Übrigen am effektivsten vorbeugen, indem man in der Lage ist, über sich selber zu lachen.

Abschließend lässt sich der Gedanke Senecas wie folgt subsumieren: Wahre Größe zeigt, wer Ungerechtigkeiten gleich welcher Art nicht an sich heranlässt. Dieser Gedanke ist übrigens auch der christlichen Ethik, die das Fundament unserer Gesellschaft bildet, nicht fern. Auch das neue Testament kennt das Prinzip, „Schuldigen“ ihre Taten zu vergeben und sich nicht darüber zu ärgern.
Ich persönlich kann mich der Argumentation Senecas durchaus anschließen. Dass „Weise“ über weltlichen Problemen stehen sollen, bzw. müssen, sehe ich ähnlich. Die Konsequenz, die sich für mich daraus ergibt, ist allerdings, dass ich (zumindest im Moment) nicht vorhabe, „Weisheit“ als endgültiges Ziel anzustreben. Es ist anfangs bequemer, sich selber nicht so sehr unter Kontrolle haben zu müssen, um selbsterlittenes Unrecht komplett zu ignorieren. Seneca formuliert ja auch, dass für viele der Weg der Stoiker anfangs bzw. von weitem „steinig und unbegehbar“ erscheint.
Ich sehe das genau so und gehe zunächst deshalb lieber den bequemen Weg, auch wenn übergeordnete Weisheit für mich damit erstmal nicht erreichbar ist.

Quellen

Ein Gedanke zu „Seneca: Die Standhaftigkeit des Weisen

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