Michel de Montaigne: Leben ohne Angst vor dem Tod

In seinem (aus studentischer Sicht erfreulich kurzen) Essay „Philosophieren heißt sterben lernen“ tut der französische Philosoph Michel de Montaigne genau das, was er in der Überschrift formuliert: Er philosophiert über das Sterben. Genauer gesagt macht sich Montaigne in erster Linie nicht (nur) über das Sterben an sich Gedanken, sondern vor allem darüber, dass wir keine Angst vor dem Tod haben sollten. Der Tod gehört zum Leben nun einmal dazu und sollte als Teil des Lebens akzeptiert und keinesfalls gefürchtet werden.

Zunächst einmal stellt Montaigne fest, dass alle Abhandlungen über das Leben das Ziel ausgeben, vergnügt zu sein – denn auf jemanden, der es als sein Ziel ausgäbe, einem „Missvergnügen und Ungemach zu bereiten“1, würden wir nicht hören wollen. Sämtliche Meinungsverschiedenheiten der philosophischen Lehren seien deshalb nur Haarspalterei.
Montaigne sagt, dass wir auch in der Tugend letzten Endes immer nach Lust streben, denn tugendhaftes Verhalten ist sogar ernsthafter lustvoll als das kurzfristige Vergnügen, dass die Sinneslust mit sich bringt.

Die Tugend als solche hat nun einen wesentlichen Vorteil, über den sich laut Montaigne alle Philosophen einig sind: Sie verachtet den Tod. Deshalb „gibt sie unserem Leben eine gelassene Ruhe und lässt uns dessen reinen und lieblichen Geschmack genießen, ohne den jede andere Lust schal wird“ (S. 46).
Diese Einigkeit, den Tod mit Nachdruck zu verachten, rührt laut Montaigne daher, dass der Tod – im Gegensatz zum Beispiel zu anderen Übeln wie Armut oder Schmerz – zwangsläufig ist und niemand ihm zu entgehen vermag.
Deswegen sollten wir uns auch nicht von ihm ängstigen lassen, denn „dann wird er zum Quell unaufhörlicher Qualen, die durch nichts zu lindern sind“ (S. 46) und denen wir nicht entfliehen können. Als Beispiel bringt Montaigne hier den Fall eines zum Tode Verurteilten, der im Angesicht des Todes in den Tagen vor seiner Hinrichtung nichts mehr richtig genießen kann.

Letztendlich ist der Tod jedoch eines jeden Lebens Ziel. Wir steuern unweigerlich auf ihn hin und sind ergo alle in der gleichen Lage wie der Verurteilte. Warum erschrecken wir also nicht in jeder Sekunde, wissend, dass sie uns dem Ende einen Schritt näher bringt?
Das gemeine Volk behilft sich hier mit dem Trick, den Tod einfach auszublenden und nicht an ihn zu denken. Das ist natürlich keine Lösung, denn wenn der Tod dann einmal kommt, trifft er einen unvorbereitet. Man kann sich auch nicht darauf verlassen, dass man noch jung und in der vollen Blüte seines Lebens ist, denn zum einen müssen „Junge und Alte ja auf ein und dieselbe Weise das Leben lassen“, zum anderen ist niemandem eine bestimmte Lebensdauer zugesichert.

Der Tod kann jeden treffen, egal wie alt er ist. Das belegt Montaigne anhand vieler – zum Teil recht makaberer – Beispiele, in denen Menschen auf unterschiedlichste Weise in scheinbar alltäglichen Situationen ihr Leben gelassen haben.
Da es also schier unendlich viele Möglichkeiten zu sterben gibt, bringen uns Gefahren dem Tode auch nur wenig oder gar nicht näher. Denn auch wenn wir der einen Gefahr aus dem Weg gehen, schweben zu jedem Moment noch Millionen andere über unserem Kopf und drohen uns zu zermalmen.

Indem wir uns dessen bewusst werden und deshalb so leben, dass wir in jedem Moment sterben könnten, ohne etwas zu bedauern, nehmen wir dem Tod seine stärkste Trumpfkarte. Wenn wir stets an ihn denken und uns an ihn gewöhnen, nehmen wir ihm damit seine Unheimlichkeit.
So gerüstet, dass wir jederzeit „abreisebereit“ sind und keiner unerledigten Aufgaben nachtrauern müssten, würde uns der Tod nichts Neues lehren und wir wären im finalen Augenblick nur noch mit uns selbst beschäftigt.

Daraus ergibt sich natürlich, dass man sich keine Ziele stecken sollte, die so lange dauern, dass man sie nicht vollenden kann; bzw. man sollte sich in nichts so „hinein verbeißen, dass man verzweifelt, wenn man es unvollendet lassen muss“ (S. 49). Trotzdem sollte man Zeit seines Lebens „werken und wirken“ – gerade so eben, wie wenn man lebt, als sei jeder Tag der Letzte.
Auch die Natur unterstützt nach Montaignes Ansicht seine Haltung: Denn erleidet man einen schnellen Tod, bleibt einem gar keine Zeit, sich davor zu fürchten. Ist es dagegen ein langsames und qualvolles Dahinsiechen, ist der Tod eine Erlösung. Egal wie es kommt, man muss also keine Angst vor dem Tod haben.

Schließlich muss man den Tod als Bestandteil des Lebens hinnehmen, genau wie die Geburt. Ebenso, wie es unsinnig wäre, sich darüber zu ärgern, dass wir vor 100 Jahren noch nicht gelebt haben, sollten wir uns auch nicht darüber aufregen, wenn wir in 100 Jahren nicht mehr leben. Das Leben hat per definitionem einen Anfang und ein Ende, flieht man vor dieser Tatsache, so flieht man vor sich selbst. Zentral ist die Aussage, dass „die Nützlichkeit des Lebens nicht in der Länge liegt, sondern im Gebrauch“ (S. 51).

Sterben heißt gleichzeitig auch, Platz zu machen für folgende Generationen. So gesehen ist der Tod sogar eine Art moralische Verpflichtung.
Zu guter Letzt betrifft uns der Tod eh nicht. Während des Lebens betrifft er uns nicht, weil wir leben, und wenn wir tot sind, haben wir ihn bereits hinter uns. Wieso also ihn fürchten?
Fazit ist, dass wir uns vor dem Joch und Zwang des Todes befreien können, indem wir lernen, zu sterben. Sobald wir den Tod als unweigerliches Ziel unseres Lebens akzeptiert haben, verliert er (und alles andere) seinen Schrecken, oder um es mit Montaignes Worten zu sagen: „Das Leben hat keine Übel mehr für den, der recht begriffen hat, dass der Verlust des Lebens kein Übel ist“ (S. 48). Nun können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren: nämlich auf das Leben selbst.

Montaigne hat richtig erkannt, dass wir mit unserem Leben „so viel wie möglich anfangen sollten“. Soweit bin ich, getreu dem Motto „Carpe Diem“, komplett mit ihm einer Meinung.
Allerdings ist das, was man erreichen kann, durch einen Kapazitätsengpass beschränkt. Diese Beschränkung ist gegeben durch die Zeit, die wir in unserem Leben zur Verfügung haben – wäre sie unendlich, könnte jeder unendlich viel erreichen.
Im Umkehrschluss heißt das, dass man umso weniger Möglichkeiten hat, etwas aus seinem Leben zu machen, je limitierender der Engpass bzw. je kürzer die Lebenszeit ist.
Da ich nicht an Schicksal glaube und die Länge der Zeit nicht als fest vorgegeben, sondern als von einem selber beeinflussbar ansehe, stellt jede Verkürzung der Zeit (in Form eines früheren Todes) ein Übel dar.

So lange der Tod also noch nicht da ist, sollte man ihn als Übel zwar nicht (panisch) fürchten, aber doch versuchen, ihm aus dem Weg zu gehen. Das steht jedoch im totalen Gegensatz zu Montaignes Forderung, man solle sich zu Lebzeiten an den Tod gewöhnen.
Während ich uns also anders als Montaigne während des Lebens eine gewisse Furcht vor dem Tod zugestehe, bin ich beim Sterben mit ihm wieder genau der gleichen Meinung: Denn wenn der Tod erst einmal da ist, ist unsere Lebenszeit nicht mehr variabel. Meine obige Begründung vom Tod als Übel greift ab diesem Moment nicht mehr und der Anlass zur Furcht fällt weg. Nun kann man dem Tod als Schlusspunkt eines hoffentlich erfüllten Lebens beruhigt und – für das Leben dankbar – ins Auge sehen.

Quellen

Ein Gedanke zu „Michel de Montaigne: Leben ohne Angst vor dem Tod

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