Kant: Freiheit als Voraussetzung des Handelns

Immanuel Kant beschäftigt sich im Ausschnitt aus dem dritten Buch seines Hauptwerks „Kritik der reinen Vernunft“ mit Freiheit und Kausalität.
In zwei parallel ablaufenden, sich widersprechenden Erörterungen vertritt er dabei sowohl die Position, dass ein auf [Willens-]Freiheit begründetes Prinzip selbstständig neue Folgen von kausalen Handlungen verursachen könne, als auch die Position, dass alle Handlungen eine Ursache haben; und es keine erste Ursache gab.

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Einstiegsthese1 (Seite 308):
„Die Kausalität nach Gesetzen der Natur ist nicht die einzige, aus welcher die Erscheinungen der Welt insgesammt abgeleitet werden können. Es ist noch eine Kausalität durch Freiheit zu Erklärung derselben anzunehmen nothwendig“
Kant beginnt die Argumentation mit einer Kritik der Gegenthese. Sei angenommen, dass jedem Zustand ein vorheriger Zustand vorausgesetzt sei; und diesem vorherigen Zustand wieder ein Vorgänger, so ließe sich diese Reihe bis in die Unendlichkeit fortsetzen. Dementsprechend gäbe es jedoch auch keinen ersten Zustand – da dieser ja keine kausale Ursache hätte –, die Reihe wäre also nicht vollständig. Nach den Gesetzen der Natur, die besagen, dass nichts ohne hinreichend a priori bestimmte Ursache geschieht, dürfte theoretisch gar nichts passieren. Hierin liegt ein interner Widerspruch der Naturgesetze, ergo kann nicht alle Kausalität nur nach den Naturgesetzen möglich sein.

Als Konsequenz ergibt sich, dass es eine Kausalität geben muss, „durch die etwas geschieht, ohne daß die Ursache davon noch weiter durch eine andere vorhergehende Ursache [..] bestimmt sei“ (S. 310).
Diese „absolute Spontaneität der Ursachen“ benennt Kant mit dem Begriff „transscendentale Freiheit“ (der vom allgemeinen, übergeordneten Begriff der Freiheit jedoch klar abzugrenzen ist, S. 310).
Voraussetzung für die Existenz einer solchen Freiheit ist, dass der [freie] Wille die Fähigkeit besitzen muss, „eine Reihe von successiven Dingen oder Zuständen von selbst anzufangen“ (S. 310). Wie genau das möglich ist, geht – genauso wie auch bei den Naturgesetzen – über den Untersuchungsgegenstand hinaus; wichtig bleibt festzustellen, a priori zu erkennen, dass diese Fähigkeit vorhanden sein muss.

Dieser erste Anstoß in Form von transzententaler Freiheit ist sowohl erstes Glied in der Folge der Zustände [nicht der Zeit] der Welt, als auch etwas, das der freie Wille mitten im [zeitlichen und] kausalen Ablauf der Welt starten kann. Als Beispiel nennt Kant das simple, aus freiem Willen geschehene Aufstehen von einem Stuhl. Das diesem rein zeitlich und materiell gesehen zwar schon etwas vorausgehen muss (so muss schließlich auch der Stuhl und der Kant bereits vorhanden sein), ist zu vernachlässigen. Wichtig ist, dass rein kausal kein Ereignis das Aufstehen verursacht hat, es ist eine absolute Entscheidung des freien Willens – samt aller nachfolgenden kausalen Folgeglieder.
In diesem Zusammenhang weist Kant auf die Tatsache hin, dass (mit Ausnahme der Epikureer) alle Philosophen des Altertums „zur Erklärung der Weltbewegungen einen ersten Beweger“ annahmen [Anm.: Wie beim kosmologischen Gottesbeweis]. Daraus schließt er, dass in der Vernunft das Verlangen nach der Annahme eines solchen ersten Bewegers besteht.

Diesem ganzen Argumentationskomplex gegenüber stellt Kant die Antithese (S. 309):
„Es ist keine Freiheit, sondern alles in der Welt geschieht lediglich nach Gesetzen der Natur.“
Auch die Gegenthese beginnt Kant mit einer Kritik der ihr entgegen gesetzten These. Die Spontaneität, bzw. „besondere Art von Kausalität“, die uns inzwischen als transzententale Freiheit bekannt ist, ist mithin nicht die Initialisierung der ihr folgenden Reihe – der Start ist die Bestimmung dieser Spontaneität selbst. Nach den Gesetzen der Kausalität setzt jede Veränderung „einen Zustand der noch nicht handelnden Ursache voraus“. Ein dynamisch erster Anfang der Handlung, wie im Begriff der transzententalen Freiheit, bedingt, dass der vorherige Zustand in keinem kausalen Zusammenhang mit ihm steht. Dies steht jedoch im Widerspruch zu den Kausalgesetzen.
Desweiteren wäre die Freiheit, bzw. Unabhängigkeit von den Gesetzen, eine „Befreiung […] vom Leitfaden aller Regeln“. Sie kann nicht die Naturgesetze in gewissen Stellen ersetzen, da die Freiheit dann selbst nach Gesetzen bestimmt wäre und damit Teil der Natur wäre. Natur und transzendentale Freiheit verhalten sich also wie Gesetzmäßigkeit und Gesetzlosigkeit.
Zwar würde die transzendentale Freiheit damit unseren Verstand, der in der ewigen Kausalitätskette nach einem Anfang sucht, beruhigen; gleichzeitig würde sie sich jedoch selbst über das ihr zu Grunde liegende Regelwerk [der Kausalität] hinwegsetzen.

Im Folgetext bemerkt Kant, dass die Verteidiger der Freiheitstheorie zwar ein „dynamisch Erstes der Kausalität“ (S. 311) suchen, gleichzeitig rein mathematisch aber nicht von einem Anfang der Zeit ausgehen. Damit macht er deutlich, dass das kausal Erste nicht gesucht werden muss.
Die „Einheit der Erfahrung“ setze voraus, dass die „Substanzen in der Welt“ genau wie die Zeit jederzeit da waren. Wieso sollte also der Wechsel ihrer Zustände nicht ebenso schon immer da gewesen sein? Zwar lässt sich diese unendliche Kausalitätskette gedanklich nicht begreiflich machen. Wenn man dieses „Naturräthsel“ bloß deshalb ignoriert, müsste man infolgedessen auch viele andere Grundsätze verwerfen; ja sogar die Veränderung selber würde einem „anstößig erscheinen“ (S. 313).

Kant schließt wieder mit der Möglichkeit des kosmologischen Gottesbeweis – gleichwohl mit der wichtigen Anmerkung, dass auch die Vorstellung nur spekulativ ist, da man dazu die Existenz eines Gegenstandes außerhalb aller möglichen Wahrnehmung voraussetzen müsste. Wenn es ein transzendentales Vermögen der Freiheit gibt, das alles in Gang gesetzt hat, dann kann dieses nur außerhalb der Welt sein.
Würde die transzendentale Freiheit ein Teil der Welt selber sein, würde mit ihm das „Merkmal empirischer Wahrheit, welches Erfahrung und Traum unterscheidet, größtenteils verschwinden“. Schließlich würde die Freiheit sonst so massiv auf die Gesetze der Natur einwirken, dass die Natur nicht (richtigerweise) „regelmäßig und gleichförmig“, sondern „verwirrt und unzusammenhängend“ gemacht werden würde.

Quellen

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