David Hume: Gefühle als Basis von Moral

Im Auszug aus seinem Werk „A Treatise of Human Nature“ (dt. „Ein Traktat über die menschliche Natur“) beschreibt David Hume, dass Gefühle die Grundlage für moralisches Handeln seien. Dabei geht er nach dem Ausschlussverfahren vor: Zunächst unterteilt er den Geist in Verstand und Affekte bzw. Eindrücke und Vorstellungen. Danach arbeitet er heraus, dass der Verstand nicht Grundlage der Moral sein kann, dieses also den Gefühlen vorbehalten bleibt. Dabei nennt er drei wesentliche Argumente. Erstens sei der Verstand ein „inaktives“ Prinzip und könne als solchem keinem aktiven Prinzip wie (moralischen) Handlungen zu Grunde liegen. Zweitens sei die Vernunft die Erkenntnis von Wahrheit und Irrtum, bzw. „Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung mit den wirklichen Beziehungen der Vorstellungen oder […] den Tatsachen“1 (S. 198). Da Handlungen einer solchen Übereinstimmung nicht fähig seien, bzw. nicht vernünftig oder unvernünftig sein können, können sie nicht Grundlage unseres Verstandes sein. Drittens dient Vernunft der Erkenntnis von „Beziehungen“, Moral liegt aber nicht in den Beziehungen von Objekten zueinander.
Ferner darf man auf Grund der obigen Trennung von Verstand und Moral auch nicht aus empirischen Beobachtungen auf normative Grundsätze schließen.

Wie bereits angedeutet, setzt Hume sich zunächst äußerst ausführlich mit Gegenthesen zu seinem eigenen Standpunkt auseinander und belegt diesen damit im Ausschlussverfahren.
Er beginnt mit der Feststellung, dass „dem Geist nie etwas anderes gegenwärtig ist, als seine Perzeptionen“ (S. 196), wie zum Beispiel Sehen, Hören, Urteilen, Lieben, Hassen oder Denken. Alle Tätigkeiten des Geistes, also auch das moralische Urteilen, fallen unter den Begriff der Perzeptionen. Dieser wiederum lässt sich in zwei Arten aufteilen, nämlich Eindrücke und Vorstellungen. Welche dieser Arten Grundlage für die Moral sind, versucht Hume nun in den nächsten Seiten festzustellen.

Sein erstes Argument gegen die These, dass der Verstand Grundlage des moralischen Handelns sei, ist, dass der Verstand seiner Meinung nach ein inaktives Prinzip ist. Seine einzige Aufgaben besteht darin, passiv zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden und logische Schlüsse aus Beobachtungen zu ziehen. In Bezug auf Handlungen hat er nur zwei Schnittpunkte: Entweder kann er sie sekundär hervorrufen, indem er einen Affekt verursacht, auf den die Handlung dann letztlich gründet, oder er „zeigt uns die Mittel, irgendeinen Affekt zu betätigen, indem [er] den Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen aufdeckt“ (S. 200). Als Antrieb für menschliche (bzw. moralische) Handlungen scheidet er also aus, denn er „ist gänzlich passiv und kann darum niemals die Quelle eines so aktiven Prinzips sein, wie es das Gewissen oder das Sittlichkeitsbewusstsein ist“ (S. 199).
Wie gesagt, die Vernunft kann lediglich Wahrheit und Vorstellung vergleichen oder die Mittel, die zur Umsetzung eines Wunsches geeignet scheinen, aufzeigen. Der Verstand kann sich – wir sind inzwischen beim zweiten Argument angelangt – bezüglich einer Tatsache selbstverständlich irren, und ebenso kann er sich bezüglich dessen, was recht ist, irren. Jedoch kann dies laut Hume nie die ursprüngliche Quelle einer Unsittlichkeit sein, denn ein solcher Irrtum würde voraussetzen, dass man bereits einen Begriff von Recht und Unrecht hätte. Jedoch könnte man sich in diesem Fall wieder irren, und wieder, und wieder – ein Irrtum bezüglich Recht und Unrecht setzt immer einen falschen Rechts-Begriff voraus, was wiederum ein Irrtum ist. Aus diesem Zirkelschluss folgert Hume, dass die Vernunft nicht Grundlage für die Bewertung von Recht und Unrecht sein kann.

Hume hat nun also schon beschrieben, warum das Vergleichen von Vorstellungen nicht die Moral entdecken kann. Es bleibt, als drittes Argument, noch zu klären, ob die andere Tätigkeit des Verstandes – das logische Denken bzw. „Schließen aus Tatsachen“ (S. 204) – Grundlage für die moralische Bewertung von Handlungen sein kann.
Da laut Hume eine Tatsache nicht aus bloßer Vernunft bewiesen werden kann, sondern immer auf Grund von Beobachtungen der Beziehungen zwischen Objekten, Handlungen, Affekten oder unserem Wollen analysiert wird, müsste zwangsläufig auch die Sittlichkeit in einer dieser Beziehungen liegen. Hume schränkt die möglichen Beziehungen als Ähnlichkeit, Gegensätzlichkeit, Grade der Beschaffenheit und Verhältnisse der Menge und der Zahl ein (S. 205). Diese Beziehungen findet man sogar bei leblosen Gegenständen, die jedoch unzweifelhaft nicht Träger von Moral sein können. Also scheidet Logik als Erkenntnismechanismus von Moral aus.

Was ist nun aber die Grundlage für Moral? Hume beantwortet dies relativ knapp gegen Ende seines Textes: „Laster und Tugend können […] mit Tönen, Farben, Wärme und Kälte verglichen werden: Diese sind […] gleichfalls keine Eigenschaften der Gegenstände, sondern Perzeptionen des Geistes“ (S. 211). Laster und Tugend sind also Gefühle, die bei der Betrachtung einer Handlung oder des Charakters einer Beziehung im Betrachter selbst entstehen. Moral ist also „Gegenstand des Gefühls, nicht der Vernunft“ (S. 211). Die Handlungsanweisung, die sich daraus ergibt, ist simpel: „[S]prechen diese [Gefühle der Lust oder des Unbehagens] zugunsten der Tugend und gegen das Laster, so ist zur Regelung unserer Lebensführung und unseres Betragens nichts weiter nötig“ (S. 211).

In einer Randbemerkung stellt Hume fest, dass viele Philosophen in ihren Texten plötzlich von „sein“ auf „sollen“ wechseln, also ohne Begründung von Ist-Zuständen auf Soll-Vorstellungen wechseln. Dies ist Humes Verstandesdefinition gemäß nicht zulässig. Schließlich hat der Verstand, der sich mit den Ist-Zuständen auseinandersetzt, keine normativ wertende Funktion. Das Gefühl wiederum, dass sich mit Moral, also Soll-Vorstellungen auseinander setzt, ist nicht wahrheitsfähig. Dieser scharfen Abgrenzung folgend ist ein Schließen aus empirischen Beobachtungen („ist“) auf normative Grundsätze („soll“) in der Philosophie ohne logische Begründung.

Quellen

Ein Gedanke zu „David Hume: Gefühle als Basis von Moral

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