Aristoteles: Glückseligkeit als Lebenszweck

Im Auszug aus dem ersten Buch der Nikomachischen Ethik definiert Aristoteles die „Glückseligkeit“ als Ziel eines jeden Lebens, da Glückseligkeit absolute Vollendung besitzt – wir wollen sie stets nur um ihrer selbst, nie wegen eines höherrangigen Gutes. Glückseligkeit ist also das oberste aller Güter.
Zur Frage, wie Glückseligkeit erreicht werden kann, fragt sich Aristoteles, was die „eigentümliche“ Funktion des Menschen ist. Diese ist die Fähigkeit des Verstandes. Um zur Glückseligkeit zu gelangen, soll der Mensch nun sein Leben lang die Tätigkeit bzw. Tugend ausüben, die er am besten kann, da dies eine dem Verstand gemäße Tätigkeit ist.

Aristoteles beginnt mit der Aussage, dass jede Handlung und jeder Entschluss ein Ziel verfolgen. Dabei ist in der Regel das Einzelziel einer Handlung einem höheren Ziel untergeordnet. Zweck seiner im weiteren angestellten Untersuchung soll nun sein, das höchste Ziel als Sinn des Lebens zu finden, da dieses Ziel „offenbar das Gute und das Beste sein [muss]“1 (S. 1, 23f). Die hochwertigste Lehre ist analog zu dieser Argumentation die Staatskunst, da alle anderen Lehren ihr untergeordnet sind. Das höchste Ziel muss also das Ziel der Staatskunst sein. Dieses ist laut Aristoteles die Glückseligkeit („gut leben und sich gut gehaben“).

Im weiteren definiert Aristoteles, dass es drei verschiedene Lebensweisen gibt, und zwar das Genussleben mit dem Ziel Lust, das politische Leben mit dem Ziel Ehre und das philosophische Leben mit dem Ziel der Erkenntnis. Das philosophische Leben sei hierbei das beste, da es sich im höchsten Maße der Vernunft verschreibt.

Zurück zur Glückseligkeit: Diese erreicht der Mensch am ehesten, indem er der Tätigkeit oder Tugend nachgeht, für die er am besten geschaffen ist. Diese „eigentümliche menschliche Tätigkeit“ ist die Möglichkeit, die Vernunft einzusetzen, bzw. eine „mit Vernunft verbundene [bzw. „der Tugend gemäße“] Tätigkeit der Seele“ (S.12) und soll ein Leben lang ausgeführt werden. Besitzt der Mensch mehrere Tugenden, so soll er die ausüben, die „am besten und vollkommensten“ ist.
Diese Tätigkeit ist für den Menschen dann auch lustvoll. Zum Erreichen der Glückseligkeit bedarf es ferner auch dem Einsatz von Hilfsmitteln. Hilfsmittel sind zum Beispiel Freunde, Reichtum oder der Einfluss im Staate. Fehlen diese Hilfsmittel, so schmälert das die Glückseligkeit. Gleiches gilt auch für andere Attribute, wie zum Beispiel Krankheit.
Daraus ergibt sich letztlich, dass man vollständige Glückseligkeit eigentlich nie erreichen kann, sondern sich ihr nur annähern kann. Voraussetzung für vollständige Glückseligkeit wäre es, dass wirklich alle äußeren Faktoren im vollen Maße erfüllt sind. Eine Verbesserung eines Faktors würde schließlich eine Vergrößerung des Glückes bedeuten; man wäre also nur vollständig glückselig, wenn nichts mehr verbessert werden könnte. Selbstverständlich gilt diese Erklärung auch umgekehrt für Verschlechterung und Unglück.

Dennoch ist deutlich zu sagen, dass die oben genannten äußeren Faktoren lediglich graduellen Einfluss auf die Glückseligkeit haben können; auch jemand denen es an ihnen mangelnd kann annähernd glückselig sein. Äußere Güter machen die Glückseligkeit nicht im Kern aus, sondern sind nur Zusatz.
Die Glückseligkeit als solche ist sogar so stark, dass es dem Grade der Glückseligkeit posthum nichts anhaben kann, wenn Ereignisse geschehen, die für einen selbst von „einiger Bedeutung“ sind, wie zum Beispiel das „Glück oder Unglück“ der Freunde und Nachkommen. Schließlich ist die Glückseligkeit etwas Göttliches und Ehrwürdiges. Sie zeichnet sich durch Beständigkeit aus – Schicksalsschläge kratzen deshalb höchstens vorübergehend an ihrer Oberfläche, können ihr im Kern jedoch nichts anhaben.

Aristoteles‘ Text ist auf Grund der guten Strukturierung in kurze Kapitel nicht nur angenehm zu lesen, sondern auch inhaltlich sinnvoll. Der Gedanke, dass ein jeder zum Erreichen des individuellen Glückes das machen soll, was am ehesten seiner Neigung und seinem Talent entspricht, erscheint logisch. Aus ökonomischer Sicht wäre eine solche Philosophie auf jeden Fall sehr wertvoll, da bei einer Verteilung der Lebensaufgaben nach Talenten die Gesamtleistung der Menschheit ziemlich effektiv wäre.
Auch die praktische Erfahrung stützt Aristoteles‘ Erläuterungen. Schließlich sind letztendlich doch die Tätigkeiten am schönsten, die wir gut ausführen. Das gleiche gilt für den Umkehrschluss: Müssen wir länger etwas machen, das nicht unserer Neigung und unseren Talenten entspricht, so ist es auf Dauer demotivierend und frustrierend.
Schließlich ist Aristoteles‘ Text auch im Hinblick auf den in Einheit #3 behandelten Text konsistent. In dem anderen Ausschnitt aus der Nikomachischen Ethik schreibt Aristoteles, dass jede Tugend oder „Tüchtigkeit“ die Eigenschaft hat, dass sie das, was sie ausmacht, „vollkommen macht“. Nach Vollkommenheit zu streben erscheint mir ein gutes Ziel für die jeweilige Aufgabe.

Quellen

Ein Gedanke zu „Aristoteles: Glückseligkeit als Lebenszweck

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